Reflexionen

Sonja

Die gute Sonja Die gute Sonja

Sonja und Marina. Zwei so schöne Namen für Margarine zu verwenden, könnte man durchaus als Missbrauch bezeichnen. Da beide Margarinen in der DDR auf dem Einkaufszettel (Braten & Backen) standen, waren sie, nicht die Margarinen sondern die Namen, bei der Namensvergabe für neugeborene Mädchen eine Weile mehr im unteren Bereich zu finden. Schade eigentlich.

Und Marina Und Marina

Wir waren in der dritten, vierten Klasse, oben in der Barackenschule nahe der Hüttenstraße; dort wo einige Kinder auch nachmittags betreut wurden, weil von den Eltern so bald niemand zuhause war. Damals. Als dort oberhalb der Bergstraße am Königsstuhl nichts als Idylle war. Sonne und Felder. Wo heute die neugebauten Häuser stehen.

Hin und wieder hatte es eine polnische Familie in die DDR gezogen, sei es wegen der deutschen Abstammung oder der sozialistischen Freundschaft. So stand eines Tages Sonja auf dem Schulhof; ein stilles Mädel mit der Art Hübschheit versehen die uns um so mehr begegnet je weiter wir nach Osten reisen; Sonja konnte kein Wort deutsch und ebensowenig der polnische Junge Norbert, der zur ungefähr gleichen Zeit neu in unsere Schule kam und wenn uns der Ball beim Spielen über den Zaun flog waren wir froh, einen Erwachsenen zufällig auf dem Fabrikgelände drüben zu sehen; dann riefen wir "Onkel! Onkel!" bis dann der Ball von einem freundlichen Arbeiter zurückgeworfen wurde. Noch heute klingt es in meiner Erinnerung - höre ich den Jungen sein erstes deutsches Wort rufen, Onkel!

Zehn Jahre später konnte Sonja kaum noch polnisch, Norbert auch nicht.

 

  Peter Schreiber 06. April 2009

 

In Erinnerung an Sonja Kaczmarek
und Norbert Leschnik

Sonja, Marina, Margarine, DDR, Artern, Königsstuhl