reflexionen
Reimund
oder Das Wörtchen PAX
Peter Schreiber 07.08.2010
Wer mich näher kennt oder meine Homepages etwas durchstöbert, weiß ja, dass ich in meiner Jugend in der DDR 4½ Jahre im Gefängnis war. Nicht etwa 4½ Jahre am Stück sondern in 3 Etappen.
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Ich habe dort natürlich viele Menschen getroffen und ich muss sagen, dass etliche kluge und freundliche darunter waren. Wieviele unverstandene intelligente Jugendliche wohl durch Beeinflussung durch Dummköpfe und Berurteilung durch Dummköpfe auf die "schiefe Bahn" geraten?
Nun ist Haftzeit eine schwere Zeit -zumindesten damals war es noch so- und imgrunde haben wir immer versucht, zusammenzuhalten. Nun ja, so gut es eben ging.
Typisch für uns war, dass sich Zweierfreundschaften bildeten, die sich "Spanner" nannten; ein Wort, dass nicht etwa die Bedeutung von dem "Spanner" hat, der heimlich nackte Mädchen oder ähnliche Situationen beobachtet sondern es war eine Ableitung von "Gespann", also Zweiergespann, so wie zwei Pferde in ein und demselben Gespann den Wagen ziehen.
Es sollte eben ein anderes Wort für [fast-]"Freundschaft" sein.
Mit einem Spanner war es freundlicher und besser, als wenn jeder nur sein eigenes Ding machte; wir teilten uns die Verantwortungsbereiche, einer war für den Tabak zuständig, der andere für Bücher oder Skatkarten usw.
Spanner hatten nicht etwa eine homo-erotische Komponente; wenngleich ein paar wenige Schwuletten und Schwuletteusen immer und überall dabei sind, manche versteckt, manche offen. Aber an einen solchen Homosexuellenanteil, wie man sich das in den alten Bundesländern als Brutstätte der Homosexuellen vorstellen würde, ist hier bei weitem nicht zu denken.
Aber, wie gesagt, die meisten Spanner waren nicht schwul und so war es völlig normal, wenn wir Spannerschaften bildeten, ohne irgendwelche Hintergedanken bei anderen zu erzeugen.
Ein solcher Spanner von mir war Reimund; seinen Nachnamen habe ich entweder vergessen oder ich habe ihn nie gewusst. Ich lernte ihn in der politischen Haft 1980/81 in Cottbus kennen und wir ähnelten uns etwas in der Art, beide waren wir unangepasst und landeten mehr als einmal für 2 oder 3 Wochen in der Arrest- bzw. Einzelhaftzelle.
Reimund war geistig fit und da hatten sich die rechten gefunden, denn auch ich diskutierte gern und lies keine Fünfe grade sein, wenn sich ein solches Gespräch ergab.
Wir waren aber öfter verschiedener Meinung als zuträglich oder konnten nicht einsehen, wieso der andere die Frage von einer anderen Seite anging; also verdichtete sich hin und wieder ein Wortwechsel schon im Anfang und, da es ja kein Gesetz dafür gibt, wer nun zuerst gegen den Willen des anderen seine Ansicht erklären darf, waren wir in diesen Situationen schneller an dem Punkt ein böses Wort zu sagen, als wir es wollten.
Was tun? Wir wussten beide, dass es nicht wert war, die Freundschaft aufzugeben nur wegen irgendeines Streitpunktes. Wir wussten beide, wie unwichtig die jeweilige Frage für unsere Gesamtsituation war. Wir wussten beide, dass es uns später leid täte, wenn wir uns zerstritten hätten. So kam einer von uns auf die Idee, solche Situationen durch die magische Ausrufung des Wortes "Pax" (lat für: Frieden) verbunden mit einer Fingerhaltung (ich glaub' dem Victory-Zeichen) die Lage zu stoppen.
Pax bedeutete eben für uns beide genau das oben gesagte, eben dass es nicht wert war, die Spannerschaft aufzugeben nur wegen irgendeines Streitpunktes usw.
Pax hieß weiterhin: Wer dieses Wort nicht beachtete und weiterdiskutieren wollte, dem war das Streiten wichtiger und die Spannerfreundschaft in diesem Moment egal und ein auseinanderbrechen egal.
"Pax" bedeutete nicht [!], dem anderen einen Maulkob zu verpletten um sich unangenehme Diskussionen zu ersparen oder wie man einem Hund ein "AUS" zuschreit. So aber würden es viele Menschen benutzen; es ist daher sinnlos es auszuprobieren, wenn der Sinn verlorengeht.
Wir waren uns einig, dass ein Verstoß gegen die weiße Pax-Fahne kein zurück am nächsten Tage zuließ (Tut mir leid, hab dich nich' so und so weiter...).
Ich habe mit Reimund über viele Monate hinweg bis wir uns aus den Augen verloren durch dieses Ritual kein einziges mal über das Wort Pax hinaus irgendeinen Wortwechsel desselben Themas weitergeführt. Wir haben uns auch nie darüber unterhalten, wie wir das innerlich fühlen oder ob da etwas weitergrollt. Und es blieb schon nach wenigen Sekunden kein schlechter Gedanke zurück; meist wussten wir schon kurz danach nicht mehr, worum es ging.
An Reimund: Falls es dich noch irgendwo gibt auf dieser Welt, melde dich doch.
Tags: Pax, Frieden, Freundschaft, Spanner, Cottbus, DDR, Haft, Reimund
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