Gisela Steineckert

In dreißig Minuten

In dreißig Minuten

hast du mit mir abgerechnet

Liebe, Jahre und das Mobiliar

 

Weil sie auf dich wartet

hast du auf der Stirne Falten

weil ich nicht so tu, als ob nichts war

 

Ich weiß, am liebsten wäre dir

ich würde toben

oder das Geschirr zerschmeißen

und dich einen Lumpen heißen

und mich selber glühend loben -

doch das alles kann ich nicht

 

Ich steh nur da und seh dich an

meinen Mann, meine Liebe

meine durchgebrachten Nächte

meine Sommer-, Wintertage

meine ersten weißen Haare

mein Komplice Widersacher

 

wohin gehst du mit alldem

was du von mir weißt

Sag mir, wie sie heißt

 

In dreißig Minuten

hast du mit mir abgerechnet

Liebe, Jahre, und das Mobiliar

 

Weil sie auf dich wartet

hast du auf der Stirne Falten

weil ich nicht so tu, als ob nichts war

 

Ich weiß, am liebsten wäre dir

ich würde sagen

meistens hab ich dich belogen

und um manche Mark betrogen

und dich nie so recht ertragen

doch das alles kann ich nicht

 

Ich steh nur da und seh dich an

meinen Mann, meine Liebe

meine Flüche, meine Trauer

mein bisher und mein für immer

Haut an Haut und Freud und Leid sein

mein Komplice Widersacher

mein Enttäuschter Neuentfacher

 

Wieso gehst du mit alldem

zu ihr, die Gott weiß wie heißt

Wohin gehst du mit alldem

was du von mir weißt

 

 

Vor dem Wind sein, Lieder S. 139

Gisela Steineckert

Verlag Neues Leben, Berlin 1980

DDR

In dreißig Minuten, Gisela Steineckert