gedichte
Es fiel ein Reif in Frühlingsnacht ... 2
»»Fortsetzung von «Es fiel ein Reif in Frühlingsnacht»
Es gibt heute recht viele Text-Varianten von dem Lied; insbesondere die Einführung des Artikels vor «Frühlingsnacht» und die Modernisierung «Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb» fallen ins Gewicht. Man muss die Neuerungen nicht mögen, aber gut sind sie auch.
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.
Er fiel auf die zarten Blaublümelein;
sie sind verwelket, verdorret.
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
Sie flohen beide von* Hause fort,
es wußten nicht Vater noch Mutter.
Sie sind gewandert wohl hin und her
Sie hatten nirgends Glück noch Stern,
sie sind verdorben, gestorben.
Auf ihrem Grab Blaublümlein blühn,
Umschlingen sich zart wie sie im Grab,
der Reif sie nicht welket, nicht dorret.
*Ja nicht «vom Hause», wie leider oft.
In der folgenden Fassung erscheinen die
obligatorischen 3 Röselein, schade, denn die
«Blaublümelein» tun es eigentlich ganz gut:
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.
Er fiel auf die zarten Blaublümelein;
sie sind verwelket, verdorret.
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
Sie flohen beide von Hause fort,
es wußten nicht Vater noch Mutter.
Sie sind gewandert wohl hin und her.
Sie hatten nirgends Glück noch Stern,
sie sind verdorben, gestorben.
Auf ihrem Grabe drei Röselein stehn.
Umranken sich treu wie sie im Grab.
Der Sturm sie nicht welket, nicht dorret.
Manchen sagte zu recht die Zeile nicht zu:
«Es wußten nicht Vater noch Mutter»,
deshalb auch so: (wie bei Heine)
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Es fiel auf die zarten Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdorret.
Ein Jüngling hatte ein Mädchen lieb,
Sie flohen heimlich von Hause fort,
Es wußt´* weder Vater noch Mutter.
Sie sind gewandert hin und her,
Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.
*auch zu finden: «Es wußten´s», was aber
sicher den Fluss stört. Man hätte dann zum
Ausgleich schreiben können: «Es wußten´s
nicht Vater noch Mutter», was nicht so gut
wirkt (nicht und noch).
Folgende Fassung gefällt mir auch sehr
(sie flohen gar heimlich):
1. Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.
Er fiel auf die zarten Blaublümelein;
sie sind verwelket,
verdoret.
2. Ein Knabe hatte ein Mägdelein lieb.
Sie flohen gar heimlich von Hause fort;
es wußten's nicht Vater noch Mutter.
3. Sie sind gewandert wohl hin und her;
sie hatten nirgends Glück noch Stern;
sie sind verdorben,
gestorben.
Heinrich Heine schreibt (Tragödie)
II
Dieses ist ein wirkliches Volkslied, welches ich am Rheine gehört
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Es fiel auf die zarten Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdorret.
Ein Jüngling hatte ein Mädchen lieb,
Sie flohen heimlich von Hause fort,
Es wußt weder Vater noch Mutter.
Sie sind gewandert hin und her,
Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.
Heine fügt -sicherlich nicht zufällig- folgendes Gedicht unmittelbar an:
III
Auf ihrem Grab da steht eine Linde
Auf ihrem Grab da steht eine Linde,
Drin pfeifen die Vögel im Abendwinde,
Und drunter sitzt auf dem grünen Platz,
Der Müllersknecht mit seinem Schatz.
Die Winde wehen so lind und so schaurig,
Die Vögel singen so süß und so traurig:
Die schwatzenden Buhlen, sie werden stumm,
Sie weinen und wissen selbst nicht warum.
Sicherlich nicht überzeugend ist folgende Variation;
die Bemerkung «Nach Heine» ist meines Erachtens fehl am Platze.
Der Reif
Nach Heine
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht
Er fiel auf die bunten Blümelein
Sie sind verwelket, verwelket, verdorret.
So manche Knospe, sie sank in Tod
Bevor geschaut sie der Sonne Licht
Sie ist verwelket, verwelket, verdorret.
Ach, kaum zum Lebenslicht erwacht
Hat frostiger Hauch sie geweht ins Grab
Sie ist gestorben, gestorben, verdorben.
Ein Autor berichtet:
Der Herausgeber Zuccalmaglio machte sich Gedanken darüber, welche Blüte mit Blaublümelein gemeint war. Er dachte lange an Vergissmeinnicht, aber diese blühen nicht in der Frühlingsnacht, sondern
erst im Hochsommer, könnten also nicht erfrieren, wie er einem Freunde mitteilte.
"Zuletzt entdeckte ich, dass die ' scylia bifolia ' die zweiblättrige Meerzwiebel im Siebengebirge Blaublümlein heisst, und dort am Drachenfels, als nördlichsten Standpunkte meines Wissens, im
Rheinlande blüht. Und zwar fällt dessen Blütezeit in den April, oft schon in den Februar, so dass ich mich entsinne, diese schöne Blüte vom Reife welk gesehen zu haben..."
www.blogigo.de/testzumtesten/Es-fiel-ein-Reif-weder-Glueck-noch-Stern/38
Ein anderer Autor schreibt:
"Der Liedersammler Wilhelm v. Zuccalmaglio (1803 – 1869), selbst auch Dichter und Komponist, behauptet zwar, «Es fiel ein Reif» sei ein bergisches Volkslied und er habe es «zu Wiesdorf 1823
aus dem Munde der Frau Lützenkirchen niedergeschrieben», vermutet wird aber, dass Zuccalmaglio selbst der Verfasser ist." www.intaktrec.ch/Wuestefeld-a.htm
Ich halte das für einen fehlerhaften Gedanken, dass Zuccalmaglio selbst der Verfasser ist.
Denn warum sollte Wilhelm v. Zuccalmaglio seine Autorenschaft leugnen?
Und warum erfindet er eine Geschichte, wo und von wem er das Lied
gehört habe! (Frau Lützenkirchen aus Wiesdorf*)
Welche Art der Bescheidenheit ist das denn, seine Autorenschaft zu leugnen? Und es geht ja auch um finanziellen Verdienst!
Und ist denn in diesem Zusammenhang nicht viel glaubwürdiger, dass sich auch Zuccalmaglio Gedanken machte, welche Blumen mit «Blaublümelein» gemeint waren, siehe oben? Warum sollte sein Zitat
dazu (siehe oben) von jemandem erfunden worden sein?
Summa summarum:
Warum dann nicht gleich Heinrich Heine glauben, der schrieb «Dieses ist ein wirkliches Volkslied, welches ich am Rheine gehört», siehe oben.
*Ein schwacher und unhaltbarer Gegenbeweis wäre der Gedanke, dass Wilhelm v. Zuccalmaglio unter seinen Autorenkürzeln u.a. «Friedr. Lützenkirchen» verwendete.
Das hat ganz sicher seinen Grund darin, dass die Familie Zuccalmaglio in [Leverkusen-] Lützenkirchen (Schlebusch) ansässig war. Noch heute gibt es dort das Zuccalmaglio - Haus
Bergische Landstr. 53
51375 Leverkusen - Schlebusch
(Lützenkirchen ist faktisch Schlebusch)
Auch Wiesdorf* (wo Frau Lützenkirchen wohnte) ist ja -heute, nach allen Eingemeindungen- ein Ortsteil von Leverkusen, also ganz in der Nähe!
Bekräftigend wirkt, dass der Name «Wilhelm von Waldbrühl», der sich auch unter den Autorenkürzeln befindet in der Geschichte
Lützenkirchens eine hervorragende Rolle spielt; denn daran sieht man, dass Zuccalmaglio seine Autorenkürzel durchaus auch in Affinität zu seiner Heimat wählte, und deshalb auch "Friedr.
Lützenkirchen". Es wäre völlig abwegig, seine Worte, er habe das Lied von einer Frau Lützenkirchen gehört, dahingehend zu deuten, dass er seine Autorenschaft verheimlichen wolle, nichtzuletzt
der Name Lützenkirchen in dieser Gegend des Rheines nicht
selten ist. »»mehr...
»»Liste der Autorenkürzel von Zuccalmaglio:
· Anton Wilhelm von Waldbröhl
· A.W.v.W.
· A.W.v. Wbrühl
· Diamond
· Ein Davidsbündler
· Ein Kölner
· Friedr. Lützenkirchen
· M.E.
· St. Diamond
· v.Wbrühl
· W.*
· W***
· Wbrühl
· Wilhelm v. Waldbrühl
· W.v.W.
· W.v.Wbrühl
"Drei Stunden! Für drei Stunden war sie ganz ihr eigner Herr, kein Blick durfte an ihrer Seele herumtasten, kein überflüssiges zweites Wesen in einer Luft mit ihr atmen. Wie, wenn sie versuchte
zu musizieren? Sie erschrak; wie konnte ihr solch ein Wunsch kommen! Sechs Jahre war es her, seit sie ein Instrument nicht mehr angerührt hatte seit sie zum letzten Male ihre Empfindungen in
Gesang hinausgejubelt oder geklagt hatte. Warum kam ihr die Lust zum Singen? Erfüllten sie denn Empfindungen, die sie in Musik umsetzen konnte? Aber es hörte sie ja niemand heute, sie war ja
allein, so herrlich allein! Ach, dass sie unter Menschen musste um nicht zu verhungern!
Im schönsten Zimmer stand das wenig benutzte, ausgespielte Tafelklavier, auf dem höchstens einmal die Pfarrfrau zur Morgenandacht mit schwachem Fingeranschlag einen dünnen Choral spielte oder
Anna ihre Tonleitern übte.
Mit bebenden Fingern schlug Luzie einen Akkord an, wie träumend ging sie über die Tasten, bis ihr Spiel kräftiger wurde – Chopin. Sie saß im Stuhl zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen. Dann
eine kleine Pause, und eine einfache Weise erklang. Luzie sang mit halblauter, weicher Stimme – schwermütig:
Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Er fiel auf die bunten Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdorret.
Die Stimme wurde stärker, sie war von eigentümlichem, zitterndem Wohllaut, und es lag ein rührendes Zagen im Ton, wie die ersten bewussten Worte eines von schwerer Fieberkrankheit Genesenden.
Luzie hatte einen Zuhörer. Döring war aus dem Dorf gekommen und wollte nach dem Wald, als er vom Wind hergetragen die verwehten Klänge vernahm und seinen Ohren nicht
trauend, in den Garten trat. Er war nicht gerade musikalisch, aber das schlichte Lied griff ihm an das Herz. Als es verklungen war, wartete er vergeblich auf Fortsetzung, es blieb alles still
oben, und der Pfarrer setzte nachdenklich seinen Weg fort..."
«Neues Leben» Aus: Novellen von Helene Christaller (1872 -1953)
Frauen - 7 Erzählungen 1904
Jugenheim/Bergstraße)
Frühlingsnacht, Reif, Blaublümlein, scylia bifolia, Edith Baer, Janna Bernitt, Murray, Henriette Brey, Fern Andra, Kurt Matull, Josefine Wawra, Ferdinand Robert
| Frühlingsnacht | Reif | Blaublümlein | scylia bifolia | Edith Baer | Janna Bernitt | Murray | | Henriette Bray | Fern Andra | Kurt Matull | Josefine Wawra | Ferdinand Robert |
www.peter-schreiber.de