Gedichte

Es fiel ein Reif in Frühlingsnacht ...

Aus der Liedersammlung von Wilhelm v. Zuccalmaglio (1803 – 1869)
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Es fiel ein Reif in Frühlingsnacht,
Wohl über die schönen Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdörret.

 

Ein Knabe hatt' ein Mägdlein lieb,
Sie liefen heimlich von Hause fort,
Es wußt's nicht Vater noch Mutter.

 

Sie liefen weit ins fremde Land,
Sie hatten weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.

 

 

Kein Lied hat mich mehr berührt als das ausdrucksstarke Lied "Es fiel ein Reif in Frühlingsnacht".
Ich fand es vor Jahren beim Blättern in einem alten Liederheft. Es hatte die magische Kraft, mir wegen seiner schicksalhaft-lyrisch-melancholischen Ausstrahlung nicht mehr aus dem Sinn zu gehen.
Da ich keine literarische Bildung besitze, hielt ich es dummerweise für ein Stück eines unbekannten -oder verkannten- Dichters, welches nun in alten verstaubten Liederbüchern vergeblich versucht, der Zeit zu trotzen.
Welch Irrtum! Große Namen sind mit dem Gedicht verbunden und natürlich ist es in «Des Knaben Wunderhorn» zu finden!

Aber zuvor fand es gegen 1840 Aufnahme in "Deutsche Volkslieder mit ihren Originalweisen" (Zuccalmaglio).

Es ist ein mitfühlendes Lied -«Lied» kommt ja von «Leid»- , das mit wenigen Worten den -vielleicht kurzen, vielleicht jahrzehntelangen- Irrweg eines Paares in die Ferne anreißt und ganz und gar ohne Reim auskommt (sieht man von «verdorben» - «gestorben» ab).

Im Sinne der Wirkung ist, dass -ganz im Gegensatz zur Ballade- Hintergrund und Ausfaltung der Ereignisse fehlen. So bleibt der Fantasie ein großer, subjektiv gefärbter Spielraum; auch um eigene -bittere oder traurige / realisierte oder erträumte- Erlebnisse und Gefühle im Gedicht widerspiegelt zu sehen.
Vielleicht war der Junge ein tüchtiger netter Kerl, vielleicht das Mädel ein bescheidenes fleißiges Wesen; aber hinter ihren Rücken hieß es:
"Die sinn nit von hier" oder "Wer weiß, wat die hier wollen, vielleicht haben´se was zu verberjen" oder -einfach nochmal- "Die sind nicht von hier; sollen sich dahin scheren wo sie herkommen". Wir kennen das ja.
Vielleicht wollten sie sich nichts sagen lassen, vielleicht aber waren sie Christen, die von den Kirchen enttäuscht waren; vielleicht war eins von beiden behindert, vielleicht taub oder stumm.
Hatten die Eltern die junge Liebe nicht gern gesehen? War ein Kind aus reichem und eins aus armem Haus? Gingen sie gekränkt oder im jugendlichen Übermut von ihren Lieben weg?

Die obige Textform halte ich für eine sehr (wenn nicht sogar: d i e ) ursprüngliche Fassung. Dafür spricht das Fehlen des Artikels (statt wie später "Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht") und die Form "Ein Knabe hatt´ ein Mägdlein lieb" (statt wie später "Ein Jüngling hatte ein Mädchen lieb").

Das sicherlich spätere Auftauchen einer «4. Strophe» ist gewiss ein Zeichen des Zeitgeistes und mutet -wie so oft- etwas kitschig an. Auch stört mich die wahrscheinlich unter Händeringen kreierte Wendung «[Umschlingen sich treu]wie sie im Grab» ; es bindet gedanklich unwillig, aber was tut man nicht alles, um zuende zu kommen. Richtig -nicht wegen der Korrektheit, sondern wegen der besseren Hinleitung- wäre«wie die im Grab», aber wer will das so sagen, besonders da es eine abwertende oder mindestens unpersönlich machende Nuance erhielte [...die im Grab].

Auf ihrem Grab Blaublümlein blühn,
Umschlingen sich treu, wie sie im Grab,
Der Reif sie nicht welket, nicht dörret.

Möge dieses Lied zur Herzensbildung beitragen.        

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Peter Schreiber

 

 

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